Das Evangelium nach Thomas (Thomas-Evangelium)
Nach der koptischen Übersetzung, die 1945 bei Nag Hammadi gefunden wurde.
Dies sind die geheimen Worte, die Jesus, der Lebendige, sprach und die Didymus Judas Thomas niederschrieb.
(1) Und er sagte: Wer die Interpretation dieser Worte findet, wird den Tod nicht
schmecken.
(2) Jesus sagte: Wer sucht, soll nicht aufhören zu suchen, bis er findet; und
wenn er findet, wird er bestürzt sein; und wenn er bestürzt ist, wird er
verwundert sein, und er wird über das All herrschen.
(3) Jesus sagte: Wenn die, die euch führen, euch sagen: seht, das Königreich ist
im Himmel, so werden euch die Vögel des Himmels vorangehen; wenn sie euch sagen:
es ist im Meer, so werden euch die Fische vorangehen. Aber das Königreich ist in
eurem Inneren, und es ist außerhalb von euch. Wenn ihr euch erkennen werdet,
dann werdet ihr erkannt, und ihr werdet wissen, daß ihr die Söhne des lebendigen
Vaters seid. Aber wenn ihr euch nicht erkennt, dann werdet ihr in der Armut
sein, und ihr seid die Armut.
(4) Jesus sagte: Der alte Mensch wird nicht zögern in seinem Alter, ein kleines
Kind von sieben Tagen zu befragen über den Ort des Lebens, und er wird leben;
denn viele Erste werden die Letzten werden, und sie werden ein einziger werden.
(5) Jesus sagte: Erkenne das, was vor dir ist, und das, was vor dir verborgen
ist, wird dir enthüllt werden; denn es gibt nichts Verborgenes, was nicht
offenbar werden wird.
(6) Seine Jünger fragten ihn (und) sagten zu ihm: Willst du, daß wir fasten? Und
wie sollen wir beten (und) Almosen geben? Wie beachten wir die Frage der
Speisen? Jesus sagte: lügt nicht und, was ihr verabscheut, das tut nicht; denn
alles ist offenbar im Angesicht des Himmels; denn es gibt nichts Verborgenes,
das nicht offenbar werden wird, und es gibt nichts Verhülltes, das bleibt, ohne
enthüllt zu werden.
(7) Jesus sagte: Selig ist der Löwe, selig ist den der Mensch ißt, und der Löwe
wird Mensch werden; und verflucht sei der Mensch, den der Löwe frißt, und der
Löwe wird Mensch werden.
(8) Und er sagte: Der Mensch gleicht einem weisen Fischer, der sein Netz ins
Meer warf; er zog es aus dem Meer voll von Meinen Fischen; unter ihnen fand er
einen großen schönen Fisch, der weise Fischer; er warf alle kleinen Fische ins
Meer, er wählte den großen Fisch ohne Anstrengung. Wer Ohren hat, zu hören, der
höre!
(9) Jesus sagte: Siehe, da ging ein Sämann hinaus, füllte seine Hand (und)
warf(die Samen). Ein Teil davon fiel auf den Weg; die Vögel kamen, sie
aufzusammeln. Andere fielen auf den Felsen, und sie schlugen keine Wurzeln in
der Erde und brachten keine Ähren hervor gen Himmel. Und andere fielen auf die
Dornen; sie erstickten die Saat und der Wurm fraß sie. Und andere fielen auf die
gute Erde, und sie gab eine gute Frucht gen Himmel; sie brachte sechzig des
Maßes und hundertzwanzig des Maßes.
(10) Jesus sagte: Ich habe ein Feuer auf die Welt geworfen, und seht, ich wache
über es, bis es sich entzündet.
(11) Jesus sagte: Dieser Himmel wird vergehen. Und derjenige, der darüber ist,
wird vergehen; und die, die tot sind, sind nicht lebendig, und die, die lebendig
sind, werden nicht sterben. In den Tagen, in denen ihr eßt von dem, was tot ist,
macht ihr daraus, was lebendig ist. Wenn ihr Licht sein werdet, was werdet ihr
tun? An dem Tag, da ihr eins gewesen seid, seid ihr zwei geworden. Aber wenn ihr
zwei geworden seid, was werdet ihr tun?
(12) Die Jünger sagten zu Jesus: Wir wissen, daß du uns verlassen wirst; wer ist
es, der groß über uns werden wird? Jesus sagte zu ihnen: Da, wo ihr hingegangen
sein werdet, werdet ihr auf Jakobus, den Gerechten, zugehen, für den Himmel und
Erde gemacht worden sind.
(13) Jesus sagte zu seinen Jüngern: Vergleicht mich, sagt mir, wem ich gleiche.
Simon Petrus sagte zu ihm: Du gleichst einem gerechten Engel. Matthäus sagte zu
ihm:
(p. 35) Du gleichst einem weisen Philosophen. Thomas sagte zu ihm: Meister, mein
Mund wird es absolut nicht zulassen, daß ich sage, wem du gleichst. Jesus sagte:
Ich bin nicht dein Meister, denn du hast dich berauscht an der sprudelnden
Quelle, die ich hervorströmen ließ (?). Und er nahm ihn (und) zog sich zurück
(und) sagte ihm drei Worte. Als Thomas aber zu seinen Gefährten zurückgekehrt
war, fragten sie ihn: Was hat dir Jesus gesagt? Thomas sagte zu ihnen: Wenn ich
euch eines der Worte sage, die er mir gesagt hat, werdet ihr Steine nehmen (und)
sie gegen mich werfen, und ein Feuer wird aus den Steinen hervorkommen (und)
euch verbrennen.
(14) Jesus sagte zu ihnen: Wenn ihr fastet, werdet ihr euch eine Sünde
zuschreiben; und wenn ihr betet, werdet ihr verdammt werden; und wenn ihr
Almosen gebt, werdet ihr Böses an eurem Pneuma tun. Und wenn ihr in irgendein
Land eintreten werdet und in den Gebieten wandert, wenn man euch empfängt, dann
eßt, was auch vorgesetzt wird; heilt die unter ihnen, die krank sind. Denn das,
was in euren Mund hineingeht, wird euch nicht beflecken; aber das, was euren
Mund verläßt, das ist es, was euch beflecken wird.
(15) Jesus sagte: Wenn ihr den seht, der nicht aus der Frau geboren ist, werft
euch mit dem Gesicht zur Erde (und) betet ihn an; dieser ist euer Vater.
(16) Jesus sagte: Vielleicht denken die Menschen, daß ich gekommen bin, um
Frieden auf die Welt zu werfen; und sie wissen nicht, daß ich gekommen bin,
Uneinigkeiten auf die Erde zu werfen, Feuer, Schwert, Krieg. Denn es werden fünf
sein, die in einem Haus sein werden: drei werden gegen zwei und zwei werden
gegen drei sein, der Vater gegen den Sohn, der Sohn gegen den Vater, und sie
werden als Einzelne dastehen.
(17) Jesus sagte: Ich werde euch geben, was kein Auge gesehen und was kein Ohr
gehört und was keine Hand berührt hat und was nicht zum Herzen des Menschen
aufgestiegen ist.
(18) Die Jünger sagten zu Jesus: Sage uns, wie unser Ende sein wird. Jesus
sagte: Da ihr entdeckt habt den Anfang, warum sucht ihr das Ende? Denn da, wo
der Anfang ist, wird auch das Ende sein. Selig, wer sich an den Anfang (im
Anfang) halten wird, und er wird das Ende erkennen, und er wird den Tod nicht
schmecken.
(19) Jesus sagte: Selig der, der war, bevor er wurde. Wenn ihr mir Jünger werdet
(und) wenn ihr auf meine Worte hört, werden diese Steine euch dienen. Denn ihr
habt fünf Bäume im Paradies, die verändern sich nicht, weder im Sommer noch im
Winter, und deren Blätter fallen nicht. Derjenige, der sie kennt, wird den Tod
nicht schmecken.
(20) Die Jünger sagten zu Jesus: Sage uns, was mit dem Himmelreich zu
vergleichen ist. Er sagte zu ihnen: Es ist gleich einem Senfkorn, dem kleinsten
unter allen Samen; aber wenn es auf beackerten Boden fällt, kommt aus ihm ein
großer Zweig hervor, der ein Schutz für die Vögel des Himmels wird.
(21) Mariham sagte zu Jesus: Wem gleichen deine Jünger? Er sagte: Sie gleichen
kleinen Kindern, die sich auf einem Feld niedergelassen haben, das ihnen nicht
gehört. Wenn die Herren des Feldes kommen, werden sie sagen: Laßt uns unser
Feld. Sie sind ganz nackt in ihrer Gegenwart, damit sie es ihnen lassen und
ihnen ihr Feld geben. Darum sage ich Wenn der Herr des Hauses weiß, daß der Dieb
kommen wird, wird er wachen, bevor er kommt; (und) er wird ihn nicht eindringen
lassen in das Haus seines Königreiches, um seine Dinge mitzunehmen. Ihr aber,
wacht angesichts der Welt; gürtet eure Lenden mit einer großen Kraft, daß die
Räuber keinen Weg finden, um zu euch zu kommen. Denn der Lohn, auf den ihr
rechnet, sie werden ihn finden. Wäre (doch) unter euch ein weiser Mann! Als die
Frucht gereift ist, ist er sofort gekommen, seine Sichel in der Hand, und hat
sie gemäht. Wer Ohren hat, zu hören, der höre.
(22) Jesus sah Kleine, die gesäugt wurden. Er sagte zu seinen Jüngern: Diese
Kleinen, die gesäugt werden, gleichen denen, die ins Königreich eingehen. Sie
sagten zu ihm: Wenn wir also Kinder werden, werden wir in das Königreich
eingehen? Jesus sagte zu ihnen: Wenn ihr aus zwei eins macht und wenn ihr das
Innere wie das Äußere macht und das Äußere wie das Innere und das Obere wie das
Untere und wenn ihr aus dem Männlichen und dem Weiblichen eine Sache macht,
sodaß das Männliche nicht männlich und das Weibliche nicht weiblich ist und wenn
ihr Augen macht statt eines Auges und eine Hand statt einer Hand und einen Fuß
statt eines Fußes, ein Bild statt eines Bildes, dann werdet ihr in das
[Königreich] eingehen.
(23) Jesus sagte: Ich werde euch erwählen (auswählen), einen unter tausend und
zwei unter zehntausend, und sie werden dastehen, als wären sie ein einziger.
(24) Seine Jünger sagten: Belehre uns über den Ort, an dem du bist, denn es ist
eine Notwendigkeit für uns, daß wir ihn suchen. Er sagte zu ihnen: Wer Ohren
hat, der höre! Es ist Licht im Inneren des Menschen des Lichts, und er
erleuchtet die ganze Welt. Wenn er nicht scheint, das ist die Finsternis.
(25) Jesus sagte: Liebe deinen Bruder wie deine Seele; wache über ihn wie über
deinen Augapfel.
(26) Jesus sagte: Den Splitter, der im Auge deines Bruders ist, siehst du; aber
den Balken, der in deinem Auge ist, siehst du nicht. Wenn du den Balken aus
deinem Auge gezogen hast, dann wirst du (klar) sehen; um den Splitter aus deines
Bruders Auge zu ziehen.
(27) Jesus sagte: Wenn ihr nicht fastet gegenüber der Welt, werdet ihr das
Königreich nicht finden; wenn ihr den Sabbat nicht feiert wie den Sabbat, werdet
ihr den Vater nicht sehen.
(28) Jesus sagte: Ich stand in der Mitte der Welt, und ich habe mich ihnen im
Fleisch offenbart. Ich habe sie alle betrunken gefunden; ich habe niemanden
unter ihnen durstig gefunden, und meine Seele wurde betrübt über die Söhne der
Menschen; denn sie sind blind in ihrem Herzen, und sie sehen nicht, daß sie leer
in die Welt gekommen sind, leer auch die Welt zu verlassen suchen. Aber nun sind
sie betrunken. Wenn sie ihren Wein abschütteln, so werden sie bereuen (Buße
tun).
(29) Jesus sagte: Wenn das Fleisch zur Existenz gelangt ist wegen des Geistes,
so ist das ein Wunder. Aber wenn der Geist (zur Existenz gelangt ist) wegen des
Leibes, so ist das ein Wunder der Wunder. Aber ich, ich wundere mich darüber,
wie dieser große Reichtum in dieser Armut gewohnt hat.
(30) Jesus sagte: Wo drei Götter sind, da sind es Götter; wo zwei oder einer
ist, da werde ich mit ihm sein.
(31) Jesus sagte: Kein Prophet wird in seinem Dorf aufgenommen, kein Arzt heut
die, die ihn kennen.
(32) Jesus sagte: Eine Stadt, die auf einem Berg gebaut ist, erhöht und
befestigt, kann nicht fallen, noch kann sie verborgen werden.
(33) Jesus sagte: Das, was du mit deinem Ohr (und) mit dem anderen Ohr hörst,
verkünde es auf euren Dächern. Denn niemand zündet eine Lampe an, um sie unter
den Scheffel zu stellen, noch um sie an einen verborgenen Ort zu stellen;
sondern man stellt sie auf einen Leuchter, damit jeder, der eintritt und
hinausgeht, ihr Licht sieht.
(34) Jesus sagte: Wenn ein Blinder einen Blinden führt, fallen sie beide
hinunter in eine Grube.
(35) Jesus sagte: Es ist nicht möglich, daß jemand in das Haus des Mächtigen
eintritt (und) es mit Gewalt nimmt, es sei denn, er bände ihm die Hände; dann
wird er sein Haus umdrehen.
(36) Jesus sagte: Sorgt euch nicht vom Morgen bis zum Abend und vom Abend bis
zum Morgen, mit was ihr euch bekleiden werdet.
(37) Seine Jünger sagten: An welchem Tag wirst du dich uns offenbaren, und an
welchem Tag werden wir dich sehen? Jesus sagte: Wenn ihr eure Scham nackt
gemacht habt, wenn ihr eure Kleider nehmen und unter eure Füße legen werdet wie
die kleinen Kinder (und) auf sie tretet, dann [werdet ihr sehen] den Sohn des
Lebendigen und ihr werdet euch nicht fürchten.
(38) Jesus sagte: Oft habt ihr gewünscht, diese Worte zu hören, die ich euch
sage, und ihr habt keinen anderen, von dem ihr sie hören könnt. Tage werden
kommen, da ihr mich suchen (und) nicht finden werdet.
(39) Jesus sagte: Die Pharisäer und die Schriftgelehrten haben die Schlüssel zur
Erkenntnis erhalten, (und) sie haben sie versteckt. Sie sind auch nicht
eingetreten, und die, die eintreten wollten, haben sie nicht eintreten lassen.
Aber ihr, seid klug wie die Schlangen und rein wie die Tauben.
(40) Jesus sagte: Ein Weinstock ist gepflanzt worden außerhalb des Vaters; und
da er nicht befestigt ist, wird er ausgerissen werden mit seiner Wurzel, (und)
er wird verderben.
(41) Jesus sagte: Wer in seiner Hand hat, dem wird gegeben werden; und dem, der
nicht hat, wird man auch das Wenige, das er hat, nehmen.
(42) Jesus sagte: Seid Vorübergehende!
(43) Seine Jünger sagten zu ihm: Wer bist du, der du uns das sagst? Jesus sagte
zu ihnen: Von dem, was ich euch sage, wißt ihr nicht, wer ich bin? Doch ihr seid
wie die Juden geworden; denn sie lieben den Baum (und) hassen seine Frucht, und
sie lieben die Frucht (und) hassen den Baum.
(44) Jesus sagte: Wer den Vater lästert, dem wird man verzeihen, und wer den
Sohn lästert, dem wird man verzeihen; aber dem, der den Heiligen Geist lästert,
dem wird man nicht verzeihen, weder auf der Erde noch im Himmel.
(45) Jesus sagte: Man erntet nicht Trauben von Dornsträuchern, noch pflückt man
Feigen von Weißdornsträuchern, sie geben keine Frucht. Denn ein guter Mensch
bringt Gutes aus seinem Schatz hervor; ein böser Mensch bringt böse Dinge aus
seinem Schatz hervor, der sein Herz ist, und er sagt böse Dinge, denn aus dem
Überfluß des Herzens bringt er böse Dinge hervor.
(46) Jesus sagte: Von Adam bis Johannes dem Täufer ist unter den Kindern der
Frauen keiner höher als Johannes der Täufer, denn seine Augen waren nicht
zerstört (?). Aber ich habe gesagt: Wer unter euch klein wird, wird das
Königreich erkennen und wird höher sein als Johannes.
(47) Jesus sagte: Es ist nicht möglich, daß ein Mensch zwei Pferde besteigt,
(noch daß) er zwei Bogen spannt; und es ist nicht möglich, daß ein Diener zwei
Herren dient, es sei denn, er ist ehrerbietig gegenüber dem einen, und den
anderen verhöhnt er. Niemand trinkt alten Wein und wünscht sofort, neuen Wein zu
trinken. Und man gießt nicht neuen Wein in alte Schläuche, damit sie nicht
verderben; und man gießt nicht alten Wein in einen neuen Schlauch, damit er ihn
nicht verdürbe. Man näht nicht einen alten Flecken auf ein neues Gewand, denn es
würde ein Riß entstehen.
(48) Jesus sagte: Wenn zwei Frieden schließen unter sich in diesem einen Haus,
werden sie dem Berg sagen: Versetze dich, und er wird sich versetzen.
(49) Jesus sagte: Selig die Einsamen und die Erwählten, denn ihr werdet das
Königreich finden, denn ihr seid hervorgekommen aus ihm, (und) aufs neue werdet
ihr dahin zurückkehren.
(50) Jesus sagte: Wenn sie zu euch sagen: Woher kommt ihr?, dann sagt zu ihnen:
Wir kommen aus dem Licht, daher, wo das Licht aus sich selbst heraus geboren
ist. Es hat [sich aufgestellt], und es hat sich in ihrem Bild offenbart. Wenn
sie zu euch sagen: Wer seid ihr?, dann sagt: Wir sind seine Söhne, und wir sind
die Erwählten des lebendigen Vaters. Wenn sie euch fragen: Welches ist das
Zeichen eures Vaters in euch?, sagt zu ihnen: Es ist Bewegung und Ruhe.
(51) Seine Jünger sagten zu ihm: An welchem Tag wird die Ruhe der Toten
eintreten, und an welchem Tag wird die neue Welt kommen? Er sagte zu ihnen: Die,
die ihr erwartet, ist gekommen, aber ihr erkennt sie nicht.
(52) Seine Jünger sagten zu ihm: Vierundzwanzig Propheten haben in Israel
gesprochen, und sie haben alle von dir gesprochen. Er sagte zu ihnen: Ihr habe
den vor euren Augen Lebendigen ausgelassen, und ihr habt von den Toten
gesprochen.
(53) Seine Jünger sagten zu ihm: Ist die Beschneidung nützlich oder nicht? Er
sagte
zu ihnen: Wenn sie nützlich wäre, würde ihr Vater sie schon beschnitten in ihrer
Mutter zeugen. Aber die wahre Beschneidung im Geist hat vollen Nutzen gehabt.
(54) Jesus sagte: Selig sind die Armen, denn euer ist das Himmelreich.
(55) Jesus sagte: Wer seinen Vater und seine Mutter nicht haßt, kann nicht mein
Jünger werden. Und (wer nicht) seine Brüder und seine Schwestern haßt (und) wer
(nicht) sein Kreuz trägt wie ich, wird meiner nicht würdig sein.
(56) Jesus sagte: Wer die Welt erkannt hat, hat einen Leichnam gefunden; und wer
einen Leichnam gefunden hat, dessen ist die Welt nicht würdig.
(57) Jesus sagte: Das Königreich des Vaters ist gleich einem Menschen, der eine
[gute] Saat hatte. Sein Feind kam in der Nacht und säte Unkraut unter die gute
Saat. Der Mensch erlaubte ihnen nicht, das Unkraut auszureißen. Er sagte zu
ihnen: Damit ihr nicht geht, das Unkraut auszureißen, (und) den Weizen mit ihm
ausreißt. Am Tag der Ernte wird das Unkraut sichtbar werden; man wird es
ausreißen (und) verbrennen.
(58) Jesus sagte: Selig der Mensch, der gelitten hat; er hat das Leben gefunden.
(59) Jesus sagte: Schaut auf den Lebendigen, solange ihr lebt, damit ihr nicht
sterbt und sucht, ihn zu sehen und werdet ihn nicht sehen können.
(60) Sie sahen einen Samariter, der, ein Lamm tragend, nach Judäa ging. Er sagte
zu seinen Jüngern: (Was will) dieser mit dem Lamm (tun)? Sie sagten zu ihm: Es
töten und essen. Er sagte zu ihnen: Während es lebt, wird er es nicht essen,
sondern (nur), wenn er es tötet (und) wenn es ein Leichnam wird. Sie sagten:
Anders kann er es nicht tun. Er sagte zu ihnen: Auch ihr, sucht einen Ort zur
Ruhe, damit ihr nicht ein Leichnam werden und gegessen werdet.
(61) Jesus sagte: Zwei werden ruhen auf einem Bett, einer wird sterben, der
andere wird leben. Salome sagte: Wer bist du, Mensch, wessen Sohn? Du bist auf
mein Bett gestiegen und hast an meinem Tisch gegessen. Jesus sagte zu ihr: Ich
bin der, der aus dem hervorkommt, der gleich ist; es sind mir Dinge meines
Vaters gegeben. Salome sagte: ich bin deine Jüngerin. Jesus sagte zu ihr: Darum
sage ich: Wenn er gleich ist, ist er voller Licht; aber wenn er geteilt ist,
wird er voller Dunkelheit sein.
(62) Jesus sagte: Ich sage meine Geheimnisse denen, die [würdig sind meiner]
Geheimnisse. Was deine Rechte tut, deine Linke soll nicht wissen, was sie tut.
(63) Jesus sagte: Es war einmal ein reicher Mann, der hatte viel Besitz. Er
sagte: ich werde mein Vermögen benutzen, um zu säen, zu ernten, zu pflanzen,
meine Speicher mit Früchten zu füllen, auf daß mir nichts fehle. So waren seine
Gedanken in seinem Herzen; und in dieser Nacht starb er. Wer Ohren hat, der
höre.
(64) Jesus sagte: Ein Mann hatte Gäste; und nachdem er das Mahl zubereitet
hatte, schickte er seinen Diener, um die Gäste einzuladen. Er ging zum ersten
und sagte zu ihm: Mein Herr lädt dich ein. Der sagte: Ich habe Geld bei
Kaufleuten; sie werden heute Abend zu mir kommen, ich werde gehen (und) ihnen
Aufträge geben. Ich entschuldige mich für das Mahl. Er ging zu einem anderen
(und) sagte zu ihm: Mein Herr hat dich eingeladen. Dieser sagte zu ihm: Ich habe
ein Haus gekauft; und man braucht mich für einen Tag. Ich werde keine Zeit
haben. Er ging zu einem anderen (und) sagte zu ihm: Mein Herr lädt dich ein.
Dieser sagte zu ihm: Mein Freund wird sich verheiraten, und ich mache das Mahl.
Ich kann nicht kommen. Ich entschuldige mich für das Mahl. Er ging zu einem
anderen, er sagte zu ihm: Mein Herr lädt dich ein. Er sagte zu ihm: Ich habe
einen Bauernhof gekauft; ich werde gehen, den Zins zu erhalten. Ich kann nicht
kommen. Ich entschuldige mich. Der Diener kam zurück (und) sagte zu seinem
Herrn: Die, die du eingeladen hast zum Mahl, lassen sich entschuldigen. Der Herr
sagte zu seinem Diener: Geh hinaus auf die Wege, bring die mit, die du finden
wirst, damit sie essen. Die Verkäufer und Händler [werden] nicht den Ort meines
Vaters [betreten].
(65) Er sagte: Ein ehrbarer Mann hatte einen Weinberg; er gab ihn Winzern, damit
sie in ihm arbeiteten (und) er die Früchte von ihnen bekäme. Er schickte seinen
Diener, damit die Winzer ihm die Frucht des Weinbergs gäben. Diese ergriffen
seinen Diener, schlugen ihn, (und) sie hätten ihn beinahe erschlagen. Der Diener
ging davon (und) sagte es seinem Herrn. Sein Herr sagte: Vielleicht hat er sie
nicht erkannt. Er schickte einen anderen Diener; die Winzer schlugen auch
diesen. Nun schickte der Herr seinen Sohn. Er sagte. Vielleicht werden sie
Respekt haben vor meinem Sohn. Diese Winzer, als sie erfuhren, daß er der Erbe
des Weinbergs wäre, packten ihn und töteten ihn. Wer Ohren hat, der höre.
(66) Jesus sagte: Zeigt mir den Stein, den die Bauleute verworfen haben: er ist
der Eckstein.
(67) Jesus sagte: Wer das All erkennt, sich selbst (aber) verfehlt, der verfehlt
das All.
(68) Jesus sagte: Selig seid ihr, daß man euch hassen wird und daß man euch
verfolgen wird, und sie werden keinen Platz finden, wo man euch verfolgt hat.
(69) Jesus sagte: Selig sind die, die man verfolgt hat in ihrem Herzen; es sind
diese, die den Vater in Wahrheit erkannt haben. Selig sind die Hungrigen, denn
man wird den Bauch dessen, der (es) wünscht, füllen.
(70) Jesus sagte: Wenn ihr dies in euch erworben habt, wird euch das, was ihr
habt, retten. Wenn ihr dies nicht in [euch] habt, [wird] das, was ihr nicht in
euch habt, euch sterben lassen.
(71) Jesus sagte: Ich werde [dieses] Haus zerstören, und niemand wird in der
Lage sein, es [wieder] aufzubauen.
(72) [Ein Mann sagte] zu ihm: Sage meinen Brüdern, daß sie die Güter meines
Vaters mit mir teilen sollen. Er sagte zu ihm: O Mensch, wer hat mich zu einem
Teiler gemacht? Er wandte sich seinen Jüngern zu. Er sagte ihnen: Bin ich denn
ein Teiler?
(73) Jesus sagte: Die Ernte ist zwar groß, aber der Arbeiter sind wenige. Bittet
aber den Herrn, daß er Arbeiter für die Ernte schickt.
(74) Er sagte: Herr, es sind viele um den Brunnen, aber keiner ist in dem
Brunnen.
(75) Jesus sagte: Es gibt viele, die an der Tür stehen, aber es sind die
Einsamen, die in das Brautgemach eintreten werden.
(76) Jesus sagte: Das Königreich des Vaters ist gleich einem Kaufmann, der eine
Ware hatte (und) der eine Perle fand. Dieser Kaufmann war weise. Er verkaufte
die Ware, er kaufte die Perle allein. Sucht auch ihr den Schatz, der nicht
aufhört und dauert, dort, wo die Motte nicht hinkommt, um zu fressen, und (wo)
auch kein Wurm zerstört.
(77) Jesus sagte: Ich bin das Licht, das über allen ist. Ich bin das All; das
All ist aus mir hervorgegangen, und das All ist zu mir gelangt. Spaltet das
Holz, ich bin da. Hebt einen Stein auf, und ihr werdet mich dort finden.
(78) Jesus sagte: Warum seid ihr ausgezogen auf das Feld? Um ein Schilfrohr im
Winde schwankend zu sehen? Und um einen Menschen zu sehen, der weiche Kleider an
hat? [Seht eure] Könige und Vornehmen, diese haben weiche Kleider an, und sie
[können] die Wahrheit nicht erkennen.
(79) Eine Frau aus der Menge sagte zu ihm: Glücklich der Leib, der dich getragen
hat, und die Brüste, die dich genährt haben. Er sagte zu [ihr]: Glücklich sind
die, die das Wort des Vaters gehört haben (und) die es bewahrt haben in
Wahrheit. Denn es werden Tage kommen, da ihr euch sagen werdet: Glücklich der
Leib, der nicht empfangen hat, und die Brüste, die nicht Milch gegeben haben.
(80) Jesus sagte: Wer die Welt erkannt hat, hat den Leib gefunden; aber wer den
Leib gefunden hat, dessen ist die Welt nicht würdig.
(81) Jesus sagte: Wer reich geworden ist, soll herrschen, und wer die Macht
besitzt, soll sie aufgeben.
(82) Jesus sagte: Wer mir nahe ist, der ist dem Feuer nahe, und wer fern von mir
ist, ist fern vom Königreich.
(83) Jesus sagte: Die Bilder sind dem Menschen offenbart, und das Licht, das in
ihnen ist, ist verborgen im Bild des Lichtes des Vaters. Er wird sich
offenbaren, und sein Bild ist durch sein Licht verborgen.
(84) Jesus sagte: Wenn ihr eure Ebenbilder seht, werdet ihr erfreut sein. Aber
wenn ihr eure Ebenbilder seht, die vor euch existierten, die nicht sterben noch
sich offenbaren, wieviel werdet ihr dann ertragen?
(85) Jesus sagte: Adam ist aus einer großen Kraft hervorgekommen und aus einem
großen Reichtum, und er war eurer nicht würdig; denn wenn er würdig gewesen
wäre, [hätte] er nicht den Tod [geschmeckt].
(86) Jesus sagte: [Die Füchse haben Höhlen] und die Vögel haben [ihr] Nest, aber
der Sohn des Menschen hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen [und] sich
ausruhen kann.
(87) Jesus sagte: Elend ist der Leib, der von einem Leib abhängig ist, und elend
ist die Seele, die von diesen beiden abhängt.
(88) Jesus sagte: Die Engel und die Propheten werden zu euch kommen, und sie
werden euch geben, was euer ist. Und ihr selbst, was in euren Händen ist, gebt
es ihnen (und) sagt euch selbst: An welchem Tag werden sie kommen, um zu
empfangen, was das ihre ist?
(89) Jesus sagte: Warum wascht ihr das Äußere der Trinkschale? Versteht ihr
nicht, daß der, der das Innere gemacht hat, auch der ist, der das Äußere gemacht
hat?
(90) Jesus sagte: Kommt zu mir, denn mein Joch ist angenehm, und meine
Herrschaft ist mild, und ihr werdet Ruhe für euch finden.
(91) Sie sagten zu ihm: Sage uns, wer du bist, damit wir an dich glauben. Er
sagte zu ihnen: Ihr erkundet (prüft?) das Gesicht des Himmels und der Erde, und
den, der vor euch ist, habt ihr nicht erkannt, und diesen Augenblick wißt ihr
nicht zu erkunden (prüfen?)?
(92) Jesus sagte: Sucht, und ihr werdet finden; aber was ihr mich in diesen
Tagen gefragt habt und was ich euch nicht gesagt habe, jetzt gefällt es mir, es
zu sagen, und ihr fragt nicht danach.
(93) Jesus sagte: Gebt nicht, was heilig ist, den Hunden, damit sie es nicht auf
den Misthaufen werfen. Werft keine Perlen vor die Schweine, damit sie sie nicht
... .] machen.
(94) Jesus [sagte]: Wer sucht, der wird finden, [und der, der anklopft] an das
Innere, dem wird geöffnet werden.
(95) [Jesus sagte:] Wenn ihr Geld habt, verleiht es nicht mit Wucher, sondern
gebt ... .] dem, von dem [ihr] es nicht wiederbekommen werdet.
(96) Jesus [sagte]: Das Königreich des Vaters ist gleich [einer] Frau. Sie nahm
ein wenig Sauerteig, [verbarg] ihn in dem Teig (und) machte davon große Brote.
Wer Ohren hat, der höre.
(97) Jesus sagte: Das Königreich des [Vaters] ist gleich einer Frau, die einen
Krug voller Mehl trug. Sie ging [auf einem] weiten Weg. Der Henkel des Kruges
brach, das Mehl verstreute sich hinter ihr auf den Weg. Sie wußte es nicht, sie
hatte das Unheil nicht wahrgenommen. Als sie in ihr Haus kam, stellte sie den
Krug auf den Boden (und) fand ihn leer.
(98) Jesus sagte: Das Königreich des Vaters ist gleich einem Mann, der wollte
einen Edlen töten. Er zog das Schwert in seinem Haus, er durchstach die Mauer,
um herauszufinden, ob seine Hand stark (genug) wäre. Dann tötete er den Edlen.
(99) Die Jünger sagten zu ihm: Deine Brüder und deine Mutter sind draußen. Er
sagte zu ihnen: Diese hier, die den Willen meines Vaters tun, die sind meine
Brüder und meine Mutter; sie sind es, die in das Königreich meines Vaters
eingehen werden.
(100) Sie zeigten Jesus ein Goldstück und sagten zu ihm: Die Leute des Kaisers
verlangen von uns Steuern. Er sagte zu ihnen: Gebt dem Kaiser, was des Kaisers
ist; gebt Gott, was Gottes ist. Und was mein ist, gebt es mir.
(101) Jesus sagte: Wer nicht seinen Vater und seine Mutter haßt, wird nicht
[mein Jünger] werden können. Und wer seinen [Vater nicht] liebt und seine Mutter
wie ich, wird nicht mein [Jünger] werden. Denn meine Mutter ... .], aber [meine]
wahre [Mutter], sie gab mir das Leben.
(102) Jesus sagte: Wehe den Pharisäern, denn sie gleichen einem Hund, der in dem
Trog der Rinder liegt; denn er frißt nicht, noch läßt er die Rinder fressen.
(103) Jesus sagte: Selig der Mensch, der weiß, [in welchem] Teil (der Nacht) die
Diebe kommen werden, daß er aufstehe, sein [...]sammle und sich die Lenden
gärte, bevor sie eintreten.
(104) Sie sagten [zu ihm]: Komm, laß uns heute beten und fasten. Jesus sagte:
Welches ist denn die Sünde, die ich begangen habe, oder in was bin ich besiegt
worden? Aber wenn der Bräutigam aus der Brautkammer hinausgegangen sein wird,
dann laßt sie fasten und beten.
(105) Jesus sagte: Wer den Vater und die Mutter kennt, wird Sohn einer Hure
genannt werden.
(106) Jesus sagte: Wenn ihr aus zwei eins macht, werdet ihr Söhne des Menschen
werden; und wenn ihr sagt: Berg, gehe weg, wird er sich wegbewegen.
(107) Jesus sagte: Das Königreich ist gleich einem Hirten, der hundert Schafe
hatte; eines, das das größte war, verirrte sich; er ließ (die) neunundneunzig
(und) suchte das eine, bis er es gefunden hatte. Danach, als er so viel Mühe
gehabt hatte, sagte er zu dem Schaf: ich liebe dich mehr als die neunundneunzig.
(108) Jesus sagte: Wer von meinem Mund trinkt, wird werden wie ich, und ich
werde wie er, und die verborgenen Dinge werden sich ihm offenbaren.
(109) Jesus sagte: Das Königreich ist gleich einem Mann, der in seinem Acker
einen [versteckten] Schatz hatte, von dem er nichts wußte. Und [nachdem] er
gestorben war, vererbte er ihn seinem [Sohn. Der] Sohn wußte (davon) nichts; er
nahm (p. 51) dieses Feld und verkaufte es. Und der, der es gekauft hatte, kam;
er pflügte (und) [er fand] den Schatz; er begann, Geld gegen Zinsen zu verleihen
an die, die er wollte.
(110) Jesus sagte: Wer die Welt gefunden hat (und) reich geworden ist, der soll
auf die Welt verzichten.
(111) Jesus sagte: Die Himmel werden sich aufrollen, ebenso die Erde in eurer
Gegenwart, und der Lebendige, (hervorgegangen) aus dem Lebendigen, wird nicht
sehen Tod noch Furcht, weil Jesus sagt: Wer sich selbst findet, dessen ist die
Welt nicht würdig.
(112) Jesus sagte: Wehe dem Fleisch, das von der Seele abhängig ist; wehe der
Seele, die vom Fleisch abhängig ist.
(113) Seine Jünger sagten zu ihm: Das Königreich, an welchem Tage wird es
kommen? Jesus sagte: Es wird nicht kommen, indem man darauf wartet; man wird
nicht sagen: Seht, hier ist es, oder: Seht, dort ist es; sondern das Königreich
des Vaters ist ausgebreitet über die Erde, und die Menschen sehen es nicht.
(114) Simon Petrus sagte zu ihnen: Mariham soll aus unserer Mitte fortgehen,
denn die Frauen sind des Lebens nicht würdig. Jesus sagte: Seht, ich werde sie
ziehen, um sie männlich zu machen, damit auch sie ein lebendiger Geist wird,
vergleichbar mit euch Männern. Denn jede Frau, die sich männlich macht, wird in
das Himmelreich gelangen.
Das Evangelium nach Thomas.




