Sind Wohlstand und Spiritualität ein Widerspruch?
WEGE-Interview mit Hamid Mirzaie, dem Großmeister des „Alten Ordens der Rosenkreuzer“
Dass Geld und materieller Reichtum für jeden wahrhaft spirituell Suchenden „pfui“ ist, predigen seit Jahrtausenden nicht nur die östlichen Traditionen, sondern auch die katholische Kirche. Der Weg zur spirituellen Erfüllung muss steinig sein. Und Erleuchtung ist nur erreichbar durch Verzicht, Armut und Askese.
Hamid Mirzaie - der Großmeister des A.O.R. - sieht dies ganz anders…
WEGE: Müssen wir wirklich auf Wohlstand verzichten, um spirituell wachsen zu können?
Hamid Mirzaie: Überhaupt nicht. Es gibt ein göttliches Recht auf Wohlstand.
Die meisten spirituellen Richtungen behaupten, dass die Armut eine Tugend auf dem Weg zur „Erleuchtung“ sei. Auch viele Laster werden mit Reichtum in Verbindung gebracht. Wen wundert’s also, dass sich eine Großzahl spiritueller Schüler vor der „Lebens-Aufgabe Geld“ fürchtet…!? Auf dem westlichen Pfad der Mysterientradition hingegen ist es notwendig, die Position von Reichtum und Armut zu verstehen - erst nach deren Meisterschaft wird der Zugang zu höheren Stufen der Entfaltung möglich.
Man muss sich also nicht vom Materiellen abwenden, wenn man sich mit geistigen Dingen beschäftigt?
Dieses Argument zeigt lediglich die große Unwissenheit über die geistige Qualität der Materie… Die Natur ist unser weiser Lehrer. Überall in der Natur ist Fülle und Überfluss, sie ist voller Eleganz, Schönheit und Reichhaltigkeit. Die ganze Schöpfung demonstriert uns ständig das Prinzip der Fülle. Qualitatives Wohnen, qualitative Nahrung, qualitative Bildung - all dies bedingt in unserer Gesellschaft Geld, und daher ist Wohlstand ein Grundrecht des Menschen.
Steckt nicht im Streben nach Reichtum die große Gefahr, bei jener Habgier zu landen, die wir gerade an den internationalen Finanzmärkten beobachten…?
Um Wohlstand zu erlangen, ist es weder nötig, anderen etwas wegzunehmen noch andere auszubeuten. Der Konkurrenzkampf wird dem Unwissenden als ehrbarer Wettbewerb verkauft - aber letztendlich ergeben amoralische Haltungen kollektive wirtschaftliche Desaster,… wie sie unsere Gesellschaft derzeit erlebt. Wettbewerb anstelle von Kooperation führt zu geistiger und seelischer Armut. Die Aufgabe für spirituelle Schüler ist es, schöpferisch tätig zu sein, statt um das bereits Geschaffene zu buhlen. Manche fühlen sich ja regelrecht bestärkt, wenn sie bei einem Geschäft den Anderen betrügen oder übervorteilen - das ist ein sicherer Weg in die Armut. Konkurrenzdenken vermehrt das Übel.
Und wie kann der einzelne spirituelle Schüler konkret zu Wohlstand gelangen?
Jeder von uns hat einen besonderen Sinn im Leben, eine einzigartige Gabe, ein Talent, also etwas, was er oder sie in dieses Leben mitbekommen hat. Damit können wir andere beschenken. Wer dieses ureigene Talent mit dem Dienst am Mitmenschen verbindet, öffnet sich für die Erfahrung der Glückseligkeit. Deshalb ist es am sinnvollsten, sich unser eigenes, besonderes Talent bewusst zu machen und uns zum Experten darin zu entwickeln. Dann bereiten wir uns selbst Freude - und können somit spielerisch unser Geld verdienen. Sobald jemand mit dem eigenen Talent auch die Bedürfnisse anderer stillt, erzeugt er oder sie unbegrenzten Reichtum und Überfluss. Das Leben wird zum bezahlten Urlaub, wenn wir genau das machen, was uns am meisten Freude bereitet - ganz gleich, ob das nun Schreiben, Reparieren, Handel treiben, Musizieren, Beraten, Putzen, Gartenarbeiten oder anderes ist…
Am spirituellen Weg geht es also auch um das Finden der eigenen Berufung…?
Genau. Im westlichen Weg ist das Alltagsleben das Klassenzimmer. Wir haben bestimmte Aufgaben wie Beruf, Familie, Partnerschaft. Hier lernt der Mensch die Gesetzmäßigen des Lebens kennen, damit er sein Potenzial vollkommen entfalten kann. Er lernt die göttlichen Mechanismen kennen, die hinter jeder Beziehung wirken. Dazu gehört auch, das Geheimnis der Materie zu lüften und dadurch Wohlstand zum Wohle aller zu manifestieren. Er lernt, dass der Beruf zur Berufung wird, mit dem er als erwachter Mensch seinen Mitmenschen dienen kann.
Das also meinten Sie vorhin mit der „Lebens-Aufgabe Geld“ auf dem spirituellen Weg…
Die „Aufgabe Geld“ ist umfassender. Wer selbst in finanzieller Not ist, kann ruhig sein bisheriges Leben auch in Bezug auf den Umgang mit Geld überprüfen. Eine besonders effektive Übung zum Steigern des Wohlstands ist „Großzügigkeit“. Großzügigkeit ist eine mächtige Suggestion für das Unterbewusstsein, welches diesen einfachen Hinweis zur Verwirklichung des Wohlstands verwenden wird. Frei von Hintergedanken und aus Liebe zu geben, ist ein Schlüssel für spirituelles Wachstum. Auch deshalb ist das Erreichen von Wohlstand eine spirituelle Aufgabe.
Herzlichen Dank für das interessante Gespräch.
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